Fußballtaktik verstehenRatgeber
Pressing und Gegenpressing
Pressing heißt, den Gegner bei seinem Ballbesitz gemeinsam unter Druck zu setzen, in Ballnähe Überzahl herzustellen und den Ball zu erobern. Je nach Höhe unterscheidet man Angriffs-, Mittelfeld- und Abwehrpressing. Gegenpressing ist das sofortige Nachsetzen direkt nach einem eigenen Ballverlust, für das erfahrungsgemäß etwa fünf Sekunden bleiben.

Beim Pressing arbeitet die ganze Mannschaft gemeinsam gegen den Ball. Das Ziel beschreibt der DFB-Sportlehrer Ralf Peter so: In der Nähe des Balls Überzahl herstellen und den Ball gewinnen. Damit das klappt, müssen die Abstände zwischen Abwehr, Mittelfeld und Angriff eng bleiben [1].
Wie schnell sich das Pressing im Spitzenfußball entwickelt hat, zeigt die DFB-Analyse der großen Turniere. Bei der EM 2008 standen viele Mannschaften gegen den Ball noch tief vor dem eigenen Strafraum und pressten nur, wenn sich eine Gelegenheit bot. Bei der WM 2010 verteidigten sie bereits deutlich höher, etwa 15 bis 20 Meter um die Mittellinie herum, und pressten systematisch [4].
Die drei Pressinghöhen
Wo eine Mannschaft mit dem Pressing beginnt, entscheidet darüber, wo sie den Ball erobern will. Ralf Peter unterscheidet drei Höhen [1]:

| Variante | Wo es beginnt | Was es verlangt |
|---|---|---|
| Angriffspressing | sehr hoch in der gegnerischen Hälfte | sehr intensive Beteiligung der Offensivspieler |
| Mittelfeldpressing | etwa 15 Meter beiderseits der Mittellinie | gängigste Variante, Abwehrkette rückt bis zum Mittelkreis auf |
| Abwehrpressing | in der eigenen Hälfte | lässt mehr Bälle auf die Abwehrkette zu |
Beim Mittelfeldpressing kann eine Mannschaft flexibel bleiben. Sie kann situativ höher anlaufen oder sich fallen lassen, wenn sich der Gegner aus dem Druck befreit. Der Torhüter muss dann gegen lange Bälle hinter die Abwehr absichern [1]. Auch beim Abwehrpressing verteidigen Mittelfeld und Sturm aktiv. In Peters Beispiel lenken sie den Gegner ins Zentrum und doppeln ihn dort, um den Ball von der eigenen Abwehrkette fernzuhalten [1].
Den Gegner lenken
Gutes Pressing läuft den Gegner nicht einfach frontal an. Die Spieler stellen ihn so, dass er in eine bestimmte Richtung spielen muss. Im Leistungsfußball ist das Lenken zum Flügel üblicher. Das hat mehrere Vorteile: Starke Gegenspieler im Zentrum bleiben aus dem Spiel, der Ball ist weiter vom eigenen Tor entfernt, und die Seitenlinie schränkt die Möglichkeiten des Gegners ein. Ein Ballgewinn im Zentrum bietet dagegen gute Möglichkeiten zum schnellen Umschalten [1].
Wer nach außen lenken will, läuft seinen Gegenspieler seitlich von innen nach außen an. So versperrt er den Weg ins Zentrum und lässt nur den Weg entlang der Linie offen. Eine Mannschaft im 4-4-2 mit Mittelfeldraute hat dagegen im Zentrum Überzahl und lenkt den Gegner deshalb bewusst nach innen [1]. Wie sich die Systeme unterscheiden, erklärt der Ratgeber Spielsysteme: 4-4-2, 4-3-3, 3-5-2 und mehr.
Für jede Pressingvariante brauchen die Spieler einen Plan für den Fall, dass sich der Gegner aus dem Druck herausspielt [1]. Schlägt er einen langen Diagonalball auf die andere Seite, weicht die ganze Mannschaft während der Flugphase des Balls schräg zurück. So kommt sie wieder hinter den Ball und verschiebt gleichzeitig zur neuen Ballseite. Wer sich nur fallen lässt oder nur verschiebt, hat eine der beiden Möglichkeiten verschenkt. Ein ballferner Außenverteidiger, der vorher nicht ganz mit eingerückt ist, kommt im besten Fall sogar als Erster an den Diagonalball [1].
Wann eine Mannschaft presst
Pressing braucht einen Auslöser, auf den alle gemeinsam reagieren. Thomas Krücken, damals U17-Trainer beim FSV Mainz 05, nennt beim Internationalen Trainer-Kongress 2014 sechs günstige Bedingungen für das Gegenpressing [2]:
- Der Ball geht im vorderen Drittel des Spielfelds verloren.
- In Ballnähe herrscht Gleichzahl oder Überzahl.
- Die eigenen Spieler sind in Tiefe und Breite gut gestaffelt.
- Der Spieler am Ball steht bereits unter Druck.
- Der Ball ist am Flügel, wo die Seitenlinie den Raum verengt.
- Der Gegner steht sehr tief.
Ein weiteres Signal ist die Körperhaltung des Gegners. Steht er mit dem Rücken zur Spielrichtung, also in "geschlossener Stellung", hat er weniger Möglichkeiten als ein Spieler, der offen zum Spielfeld steht. Die Pressingsituation muss die ganze Mannschaft erkennen, auch die hintersten Spieler [2].
Was Gegenpressing bedeutet
Gegenpressing beginnt im Moment des eigenen Ballverlusts. Statt sich zurückzuziehen, setzen die Spieler in Ballnähe den Gegner sofort unter Druck, um den Ball direkt zurückzuerobern. Nach Krücken bleiben dafür erfahrungsgemäß etwa fünf Sekunden. In diesem Zeitraum ist die schnelle Rückeroberung die ökonomischste Reaktion, und die Chance auf einen Torangriff gegen einen noch ungeordneten Gegner ist am höchsten [2].

Gegenpressing ist nicht in jeder Lage richtig. Bernd Stöber, damals Leiter der DFB-Trainerausbildung, beschreibt drei Möglichkeiten nach einem Ballverlust: Die ganze Mannschaft presst sofort, wenn sie nachgerückt ist und die Gegner zugeordnet hat. Ist das nicht der Fall, setzen nur die ballnahen Spieler Druck, während sich der Rest in die Grundordnung zurückzieht. Gibt es gar keine Möglichkeit, Druck auf den Ball zu machen, lässt sich die gesamte Mannschaft fallen [3]. Krücken nennt außerdem den Angriff auf den zweiten Ball, das Halten der Abwehrhöhe und das taktische Foul. Wer den Umschaltimpuls einleitet, sollte aber kein Foul begehen, weil das die ganze Aktion zunichtemacht [2]. Was ein taktisches Foul kostet, steht im Ratgeber Fouls, Gelbe und Rote Karte.
Auch die Phase des Spiels zählt. Verliert eine Mannschaft den Ball im eigenen Spielaufbau, wenn ihre Spieler weit auseinanderstehen, ist der sofortige Rückgewinn schwierig. Dann ist es meist besser, sich zur Torsicherung in die Grundordnung fallen zu lassen [2].
Rangnick, Klopp und die deutsche Pressingschule
Pressing gab es schon früher. Ajax Amsterdam gewann von 1971 bis 1973 dreimal den Europapokal der Landesmeister, unter anderem mit starkem Pressing und einer gut abgestimmten Abseitsfalle [9]. Ralf Rangnick wird oft als "Vater des Gegenpressings" bezeichnet. Sein Schlüsselerlebnis hatte er 1983 als Spielertrainer von Viktoria Backnang in einem Spiel gegen Dynamo Kiew unter Valeriy Lobanovski. Er habe sich die ganzen 90 Minuten unter Druck gefühlt, erzählte er später. Im Dezember 1998 erklärte er als Trainer des SSV Ulm seine Taktik ausführlich im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF, was ihm den Spitznamen "Professor" einbrachte [5].
Bekannt gemacht hat das Gegenpressing vor allem Jürgen Klopp. bundesliga.com zählt ihn zu den Pionieren des modernen Gegenpressings. Mit Borussia Dortmund wurde er 2011 und 2012 Deutscher Meister, 2012 als Teil des Doubles, und erreichte das Champions-League-Finale 2012/13 [6]. Stöber hob 2011 hervor, dass der BVB als Meister gerade das Umschalten auf Abwehr und auf Angriff nahezu perfekt gespielt habe [3]. Klopp selbst nennt seinen Stil "Heavy-Metal-Fußball" und sagt: "Gegenpressing ist kein Vorschlag. Es ist ein Gesetz" [7]. Der DFB stellte ihn am 24.07.2026 als neuen Bundestrainer vor, sein Amtsantritt war am 15.08.2026 [11].
Die Risiken des hohen Pressings
Pressing ist ein kalkuliertes Risiko. Rückt die Abwehrkette nicht mit nach vorn, entstehen Lücken, die der Gegner beim Umschalten ausnutzt [2]. Spielt sich der Gegner aus dem Druck heraus, hat er viel freien Raum vor sich. Der FC Bayern unter Vincent Kompany ist ein Beispiel: Die Mannschaft presste in der Saison 2024/25 sehr hoch und mit hoher Abwehrlinie. Gelang der Ballgewinn nicht, hatten die Gegner reichlich Platz, besonders schnelle Angreifer. In den ersten sechs Bundesligaspielen kassierte Bayern sieben Gegentore, obwohl die Gegner zusammen nur 32 Schüsse abgaben [8]. Wie Mannschaften solche Räume nutzen, beschreibt der Ratgeber Konterfußball.
Dazu kommt die Belastung. Krücken rät bei Gegenpressing-Übungen wegen der hohen Intensität ausdrücklich zu Pausen [2]. Eine Mannschaft, die 90 Minuten lang hoch anläuft, muss körperlich darauf vorbereitet sein. Mehr dazu steht im Ratgeber Kondition und Athletik im Fußball.
Pressing im Training und im Jugendfußball
Weil sich der Ablauf in Bruchteilen einer Sekunde abspielt, beginnt die Schulung bei Mainz 05 laut Krücken schon bei den E-Junioren. Seine Basisübung ist ein 5 gegen 3 in einem nur 10 mal 10 Meter großen Feld: Die Überzahlmannschaft hält den Ball, und nach einem Ballverlust rücken alle Spieler sofort zum Ball. Die Unterzahl kontert nach Ballgewinn auf kleine Dribbeltore [2]. Der DFB stellt für D- und C-Junioren eine ähnliche Spielform bereit, ein 7 gegen 5 auf ein Tor mit Torhüter, bei dem die Angreifer nach Ballverlust sofort nachsetzen sollen [10].

Krücken arbeitet dabei nur mit spielnahen, komplexen Formen und mit einer induktiven Methode: Die Spieler lösen Problemsituationen selbst und lernen durch Ausprobieren. Hilfreich sind feste Signale oder Wörter, mit denen die hinteren Spieler ihre Mitspieler coachen [2]. Wer als Trainer im Verein arbeitet, findet die Ausbildungswege im Ratgeber Trainerlizenzen: C, B, A und Pro.
- Organisation Pressing im Fußball: Taktische Varianten in Analyse und Vergleich (Ralf Peter), Internationaler Trainer-Kongress 2012. Bund Deutscher Fußball-Lehrer. Stand 2012. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Umschalten nach Ballverlust (Thomas Krücken), Internationaler Trainer-Kongress 2014. Bund Deutscher Fußball-Lehrer. Stand 2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Schnelles Umschalten auf Abwehr und Angriff (Bernd Stöber), Internationaler Trainer-Kongress 2011. Bund Deutscher Fußball-Lehrer. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Analyse der WM 2010: Gestern, Heute, Morgen (Bernd Stöber, Frank Wormuth), Internationaler Trainer-Kongress 2010. Bund Deutscher Fußball-Lehrer. Stand 2010. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Ralf Rangnick: the German footballing innovator making Austria dream. Bundesliga (bundesliga.com). Stand 25.06.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Sixty years of the Bundesliga, with Jürgen Klopp. Bundesliga (bundesliga.com). Stand 24.08.2023. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Klopp als Bundestrainer: Zeit für Heavy Metal!. Bundesliga (bundesliga.com). Stand 15.07.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Der riskante Spielstil des FC Bayern München. Bundesliga (bundesliga.com). Stand 10.10.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation The greatest teams of all time: Ajax 1971-73. UEFA. Stand 18.07.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation D- und C-Junioren, Hauptteil 1: Gegenpressing I (Mario Vossen). Deutscher Fußball-Bund. Stand 26.02.2013. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Jürgen Klopp als Bundestrainer vorgestellt. Deutscher Fußball-Bund. Stand 24.07.2026. abgerufen am 29.10.2026
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