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Konterfußball

Beim Konterfußball spielt eine Mannschaft nach einem Ballgewinn schnell und direkt nach vorn, bevor sich der Gegner wieder ordnen kann. Die schnellsten Mittel sind der Pass in die Tiefe, das Tempodribbling und schnelle Kurzpässe. Laut UEFA beginnen drei Viertel der Konter in der eigenen Hälfte.

Spieler in weißem Trikot sprintet mit dem Ball über die Mittellinie, zwei Gegenspieler laufen hinterher
Bild: KI-generiert

Ein Konter, auch Gegenangriff oder Umschaltangriff genannt, beginnt mit einem Ballgewinn. In den Sekunden danach ist die Staffelung des Gegners noch offen, weil seine Spieler gerade selbst angegriffen haben. Diese kurze Zeit will die Mannschaft nutzen, bevor der Gegner wieder in seine Abwehrordnung zurückfindet [1]. Konterfußball heißt eine Spielweise, die bewusst auf solche Momente setzt.

Bernd Stöber, damals Leiter der DFB-Trainerausbildung, erklärte den Hintergrund 2011 so: Die Abwehrorganisation der Mannschaften werde immer besser, in der Spitze ebenso wie im Jugend- und Amateurbereich. Gegen eine geordnete Abwehr sind Tore schwer zu erzielen, gegen eine ungeordnete deutlich leichter [1, 2].

Die zwei Phasen eines Konters

Stöber teilt das Umschalten auf Angriff in zwei Phasen. Die erste ist der Moment, in dem die Mannschaft in Ballbesitz kommt, mit der ersten oder spätestens der zweiten Aktion danach. Die zweite ist das schnelle Herausspielen eines Torabschlusses [1].

Mittelfeldspieler in Weiß schlägt einen langen Pass nach vorn, im Hintergrund starten Mitspieler
Bild: KI-generiert

Für die erste Phase nennt er drei Mittel, je nachdem, wie der Gegner steht [1]:

MittelWann es passt
Pass in die TiefeEin vorderer Spieler ist frei anspielbar. Das ist die schnellste und direkteste Möglichkeit, schon der Pass kann Torgefahr bringen.
TempodribblingDer Spieler mit dem Ball hat keine tiefe Anspielstation, aber freien Raum vor sich.
Schnelles KurzpassspielDer Gegner ist besser gestaffelt; der Ball wird mit wenigen Kontakten ins Angriffsdrittel gebracht.

In der zweiten Phase sollen überflüssige Quer- und Rückpässe wegfallen. Am erfolgreichsten sind Konter, wenn der Ball schnell ins Zentrum kommt, weil der Spieler am Ball dort die meisten Möglichkeiten hat [1]. Das passt zu einem Befund der DFB-Analyse der WM 2010: Rund 72 Prozent der Tore fielen dort aus der Mitte des Strafraums [3].

Verteidiger, die in einen Konter laufen, versuchen vor allem zu verzögern. Sie weichen im Tempo des Angriffs zurück und üben dabei Druck auf den Ball aus, um Zeit zu gewinnen, bis Mitspieler zurück sind. Der Spieler am Ball muss die Abwehr deshalb zu einer Aktion zwingen, und seine Mitspieler helfen, indem sie sich anbieten oder Räume freiziehen. Dafür müssen die Laufwege abgestimmt sein [1].

Wo ein Konter beginnt

Nach einer UEFA-Statistik, die Stöber 2011 zitierte, starten drei Viertel der Konter in der eigenen Hälfte [1]. Ob der Ballgewinn zufällig kommt oder geplant ist, hängt an der Verteidigungsstrategie. Lockt eine Mannschaft den Gegner ins Zentrum, um dort mit Überzahl Druck zu machen, oder lenkt sie ihn zum Flügel? Das Spielsystem und die Abwehrstrategie bestimmen, wo der Ball erobert wird [1].

Der DFB-Sportlehrer Ralf Peter beschreibt beide Wege. Ein Ballgewinn im Zentrum bietet gute Möglichkeiten zum Umschalten. Das im Leistungsfußball üblichere Lenken zum Flügel erleichtert dagegen die Sicherung des eigenen Tors [4]. Stöber hielt es 2011 für möglich, dass sich der Ausgangspunkt von Kontern durch früheres Verteidigen in den Bereich um die Mittellinie verlagert [1]. Die WM-Analyse 2010 stellte fest, dass die Teams etwa 15 bis 20 Meter um die Mittellinie herum verteidigen und der Weg zum Tor nach einem Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte bedeutend kürzer ist [3]. Hier berührt sich der Konter mit dem Pressing, das der Ratgeber Pressing und Gegenpressing erklärt.

Wie viele Tore aus Kontern fallen

Die UEFA wertet die Champions League jedes Jahr aus. In der Saison 2009/10 fielen nach dieser Analyse 27 Prozent aller Tore in Kontersituationen. In den Jahren davor waren es bis zu 40 Prozent. Stöber vermutete, dass der Rückgang damit zusammenhängt, dass Trainer die Kontervermeidung stärker ins Training aufgenommen haben [1].

Eine verbreitete Annahme stimmt dabei nicht: Ein Konter bedeutet nicht automatisch, dass die Abwehr in Unterzahl ist. Häufig ist die verteidigende Mannschaft sogar in Überzahl, aber ungeordnet. Ihre Spieler weichen zum eigenen Tor zurück und können die Gegenspieler nur schwer zuordnen [1].

Kontermannschaften

Früher sprach man von typischen Kontermannschaften. Nach Stöber lässt sich das im Spitzenfußball heute kaum noch trennen: Schnelles Umschalten gehört zum Repertoire jeder Topmannschaft, nicht unbedingt als Hauptstrategie, aber als Antwort auf jeden Ballgewinn [1]. Selbst der FC Barcelona, der 2011 die Champions League mit langen Ballbesitzphasen gewann, war laut einem Trainer aus dem technischen Bericht der UEFA am gefährlichsten, wenn der Gegner den Ball hatte [1]. Wie Ballbesitzmannschaften spielen, erklärt der Ratgeber Ballbesitzfußball und Tiki-Taka.

Spieler in roten Trikots stehen in zwei engen Reihen vor dem eigenen Strafraum, der Gegner spielt davor den Ball
Bild: KI-generiert

Ein Beispiel für eine Mannschaft, die das Kontern zum Grundprinzip gemacht hat, ist Atlético Madrid unter Diego Simeone. Die UEFA beschreibt die Mannschaft als defensiv sehr stabil, mit starkem Fundament in der Abwehr, die gern Druck aufnimmt und dann schnell zuschlägt. 2014 gewann Atlético am letzten Spieltag die spanische Meisterschaft und stand eine Woche später im Champions-League-Finale in Lissabon [5].

In der Bundesliga nannte Stöber 2011 Borussia Dortmund als Beispiel: Der damalige Meister habe das Umschalten auf Abwehr und auf Angriff nahezu perfekt gespielt [1].

Welche Systeme Konter begünstigen

Eine Kontermannschaft braucht hinten einen kompakten Block und vorn Spieler, die sofort in die Tiefe starten. Manche Formationen sind genau darauf ausgelegt. Das 4-6-0 verzichtet auf einen echten Stürmer und setzt auf Kompaktheit und Konter. Spanien spielte es bei der EM 2012 zweimal und gewann damit das Finale 4:0 [7]. Häufiger sind Systeme mit fünf Verteidigern wie das 5-4-1 oder das 5-3-2. Sie stehen gegen den Ball defensiv, und bei eigenem Ballbesitz rücken die beiden Schienenspieler nach vorn, sodass schnell ein 3-5-2 oder sogar ein 3-3-4 entsteht [7].

Ob ein Konter gelingt, hängt außerdem davon ab, wie schnell die Spieler umschalten und ob die Laufwege eingeübt sind. Eine Übersicht über die Formationen bietet der Ratgeber Spielsysteme: 4-4-2, 4-3-3, 3-5-2 und mehr.

Was ein Konter vom Spieler verlangt

Neben Technik und Tempo kommt es auf den Willen an. Stöber betont die Bereitschaft der Spieler, mit der ersten oder zweiten Aktion einen Gegenangriff einzuleiten. Manche Spieler denken im Moment des Ballgewinns nur an Ballsicherung, an Abdrehen, Rückpass oder Querpass [1].

Daraus folgt eine Aufgabe für Trainer. Wer einen Fehlpass beim Einleiten eines Konters kritisiert, bekommt Spieler, die den riskanten Pass in die Tiefe nicht mehr spielen. Weil die eigene Abwehr nach einem Fehlpass meist noch geordnet steht, kann eine Mannschaft mit diesem Risiko gut leben [1]. Nach Ballgewinn gilt deshalb die Faustregel, so schnell wie möglich in die Tiefe zu kommen; das nennt auch Thomas Krücken vom FSV Mainz 05 als Leitlinie für seine Trainingsformen [2].

Konter verhindern

Die beste Konterabwehr beginnt beim eigenen Ballbesitz. Schon dann sollte die Mannschaft so gestaffelt sein, dass hinter dem Ball kein offener Raum entsteht. Vor allem die hinterste Reihe muss Anschluss halten, nachrücken und die Gegenspieler zuordnen [1]. Ein sichtbares Ergebnis davon ist die Doppelsechs: Fast alle Spitzenteams spielen mit zwei Mittelfeldspielern vor der Abwehr, damit kein schneller Pass in die Tiefe durch das Zentrum möglich ist [1]. Die Rollen dieser Spieler erklärt der Ratgeber Positionen im Fußball.

Geht der Ball verloren, haben die ballnahen Spieler drei Möglichkeiten: sofort gemeinsam pressen, nur am Ball Druck machen und die übrigen zurückziehen, oder sich mit der ganzen Mannschaft fallen lassen [1]. Krücken nennt als weitere Möglichkeit das taktische Foul, das einen Konter unterbindet [2]. Welche Strafen dafür drohen, steht im Ratgeber Fouls, Gelbe und Rote Karte.

Wie groß die Gefahr ist, wenn das eigene hohe Pressing nicht greift, zeigte der FC Bayern im Herbst 2024. bundesliga.com beschrieb, wie Gegner mit schnellen Angreifern die Räume hinter der hoch stehenden Abwehr nutzten. Nach sechs Spieltagen hatte Bayern sieben Gegentore kassiert, bei nur 32 zugelassenen Schüssen [6].

Konter trainieren

Stöber fordert, das Umschalten in jeder Trainingsform mitzuschulen. Es dürfe zum Beispiel kein Training im offensiven Eins gegen Eins geben, ohne dass der Verteidiger nach einem Ballgewinn eine sinnvolle Anschlussaktion ausführen muss. Trainiert wird in spielgemäßen Räumen und auf spielgemäße Ziele, damit die Spieler genau das lernen, was sie im Wettspiel brauchen [1].

Amateurspieler in Leibchen kontern im Training auf kleine Hütchentore, andere laufen zurück, ein Trainer schaut zu
Bild: KI-generiert

Krücken baut seine Formen so auf, dass eine Mannschaft nach Ballgewinn auf Dribbeltore oder Tore kontert, während der Gegner per Gegenpressing den Ball zurückerobern will. In einer Variante kann ein Tor erst fallen, wenn ein Ballgewinn aus dem Gegenpressing vorausging [2]. Für den Vereinsfußball eignen sich solche Spielformen gut, weil sie Angriff und Abwehr in einer Übung verbinden. Mehr zu Trainingsinhalten im Verein steht im Ratgeber Techniktraining im Fußball.

  1. Organisation Schnelles Umschalten auf Abwehr und Angriff (Bernd Stöber), Internationaler Trainer-Kongress 2011. Bund Deutscher Fußball-Lehrer. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Umschalten nach Ballverlust (Thomas Krücken), Internationaler Trainer-Kongress 2014. Bund Deutscher Fußball-Lehrer. Stand 2014. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Analyse der WM 2010: Gestern, Heute, Morgen (Bernd Stöber, Frank Wormuth), Internationaler Trainer-Kongress 2010. Bund Deutscher Fußball-Lehrer. Stand 2010. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Pressing im Fußball: Taktische Varianten in Analyse und Vergleich (Ralf Peter), Internationaler Trainer-Kongress 2012. Bund Deutscher Fußball-Lehrer. Stand 2012. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation How Madrid and Atlético have changed since 2014. UEFA. Stand 23.05.2016. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Der riskante Spielstil des FC Bayern München. Bundesliga (bundesliga.com). Stand 10.10.2024. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Fußball-Aufstellung: Erklärung und Bezeichnungen. Bundesliga (bundesliga.com). Stand 02.12.2022. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.