Fußballgeschichte und FankulturRatgeber
Ultras und Fankultur im deutschen Fußball
Ultras sind organisierte Fangruppen, die ihren Verein mit Gesängen, Fahnen und Choreografien unterstützen und meist in der Kurve stehen. Die Bewegung stammt aus Italien und ist in Deutschland seit den 1980er Jahren vertreten. Sie prägen heute die Stimmung in vielen Stadien und streiten mit Verbänden und Polizei über Pyrotechnik, Kommerz und Stadionverbote.

In fast jedem Profistadion gibt es eine Kurve, in der die Stimmung gemacht wird. Dort stehen meist die Ultras: Fangruppen, die ihren Verein organisiert unterstützen, mit Vorsänger, Trommeln, Fahnen und Choreografien. Die Koordinationsstelle Fanprojekte nannte die Ultras im März 2026 in einer Stellungnahme für den Ausschuss für Sport und Ehrenamt des Bundestags "zentral für die Fankultur" und die größte Jugendkultur unserer Zeit [1]. Nach ihren Angaben hat der Männerfußball in Deutschland die höchsten Zuschauerzahlen der Welt, und seit dem Ende der Corona-Beschränkungen kommen deutlich mehr junge Fans ins Stadion [1].
Herkunft aus Italien
Der Name stammt aus Italien. Nach einer verbreiteten Erzählung nannte eine Zeitung Anhänger des AC Turin "Ultra", nachdem sie einen Schiedsrichter bis zum Flughafen verfolgt hatten. Das lateinische Wort bedeutet ungefähr "darüber hinaus" [2]. Welche Gruppe die erste war, ist umstritten. Als frühe Gruppen gelten die Fedelissimi Granata aus Turin von 1951 und die Ultras Sant Alberto aus Genua. Die Fossa dei Leoni des AC Mailand von 1968 gilt als erste Gruppe mit eigenem Manifest. Auch die Torcida von Hajduk Split aus dem Jahr 1950 beansprucht den Titel der ersten Ultragruppe Europas [2].

Ultras in Deutschland
Als erste deutsche Ultragruppe sehen sich die Ultras 85 des 1. FC Saarbrücken. Zu den frühen Gruppen zählen außerdem die Fortuna Eagles Supporters von Fortuna Köln, gegründet 1986, und die Soccer Boyz von 1989, heute Ultras Leverkusen [2]. Stark gewachsen ist die Bewegung ab Mitte der 2000er Jahre. Schätzungen gehen von mehr als 25.000 Ultras in über 300 Gruppen aus; eine amtliche Zählung gibt es nicht [2].
Zwischen Hooligans und Ultras gab es in Deutschland früher Revierkämpfe um die Kurven. Heute gelten die Ultras dort als die bestimmende Subkultur [2].
So arbeitet eine Ultragruppe
Ultras unterstützen ihren Verein vor allem mit Stimme und Bild. Für den Ton sorgen Trommeln, Gesänge und Megafone, die Gesänge stimmt meist ein Capo an, ein Vorsänger, der die Gesänge meist mit einem Megafon koordiniert. Für das Bild sorgen Fahnen, Banner, Konfetti und Choreografien über die ganze Tribüne [2].

Viele Gruppen hängen eine eigene Zaunfahne mit ihrem Namen auf. Sie gilt als wichtigstes Stück der Gruppe, ihr Verlust an eine andere Gruppe als schwere symbolische Niederlage [2]. Gruppen nach italienischem Vorbild haben oft feste Strukturen: eine Leitung, Stammmitglieder, fördernde Mitglieder und eine Nachwuchsabteilung [2].
Auch innerhalb der Fanszene gibt es Kritik. Vorgegebene Gesänge des Capos gehen nach Ansicht mancher Fans auf Kosten spontaner Lieder. Und der Anspruch mancher Gruppen, allein für die Kurve zu sprechen, führt zu Streit mit Fans, die keiner Gruppe angehören [2].
Gegen den "modernen Fußball"
Viele Ultragruppen lehnen eine aus ihrer Sicht zu starke Kommerzialisierung ab; ein Teil verzichtet zum Beispiel auf Trikots mit Sponsorenaufdruck [2]. Wie stark dieser Protest wirken kann, zeigte sich 2023 und 2024 beim geplanten Investoreneinstieg bei der DFL. Am 11.12.2023 hatten die Vereine der beiden Bundesligen mit Zweidrittelmehrheit ein Mandat für eine Vermarktungspartnerschaft erteilt. Gegen den Plan regte sich Widerstand bis in die Fanszenen. Am 21.02.2024 stoppte das DFL-Präsidium den Prozess einstimmig und sprach von einer "Zerreißprobe", die von den Vereinen bis zu den Fangemeinschaften reiche [3]. Zugleich bekannte es sich zur 50+1-Regel [3].
Die Koordinationsstelle Fanprojekte beschreibt, dass die Konflikte um Kommerzialisierung und Sicherheit zugenommen haben. Viele Fans fühlten sich von den Dialogangeboten ausgeschlossen. Die großen bundesweiten Proteste der Fanszenen seien bisher friedlich verlaufen [1].
Streitpunkt Pyrotechnik
Bengalische Fackeln und Rauch gehören für viele Ultras zur Kurve. In deutschen Stadien sind sie verboten, weil sie Umstehende gefährden [2]. Wer Pyrotechnik abbrennt, verstößt je nach Fall gegen das Sprengstoffgesetz. Die Bundesländer ahnden das vielfach als Ordnungswidrigkeit statt als Straftat [4].
Die Zahlen der Polizei zeigen, wie häufig das inzwischen vorkommt. Laut Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) stieg die Zahl der Ordnungswidrigkeiten wegen Pyrotechnik in und um die Stadien in der Saison 2024/25 von 2.766 auf 4.783, ein Plus von rund 73 Prozent. Dazu kamen 468 Strafverfahren wegen Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz bei Ligaspielen der ersten drei Ligen [4]. Die ZIS geht außerdem davon aus, dass sich Verletzte nach Pyrotechnik oft nicht bei der Polizei melden, weil sie Kritik aus der eigenen Szene fürchten [4].
Ultras, Hooligans und Gewalt
Bei Hooligans steht die Gewalt im Vordergrund, bei Ultras der Verein und die Unterstützung im Stadion. Die Grenze ist aber nicht scharf: Einige Ultragruppen halten Schlägereien für ein legitimes Mittel, für Ultras, die wie Hooligans auftreten, gibt es den Begriff "Hooltras" [2]. Die KOS beobachtet eine Wiederbelebung des Hooliganismus; Kampfsport, vor allem MMA, sei unter jungen Fans beliebter geworden [1].
Die Polizei teilt Zuschauer seit 1991 in drei Kategorien ein: A für friedliche, B für gewaltbereite und C für gewaltsuchende Fans. Für die Anhänger der Vereine der ersten drei Ligen schätzte sie das Potenzial der Kategorien B und C in der Saison 2024/25 auf 13.604 Personen [4]. Bei den 992 Ligaspielen mit zusammen rund 25,3 Millionen Zuschauern wurden 1.107 Menschen verletzt, darunter 160 Polizeibeamte. Im Jahr davor waren es 1.338 Verletzte [4]. Die Polizei leitete im Zusammenhang mit diesen Spielen 4.700 Strafverfahren ein und leistete 1.825.594 Einsatzstunden [4]. Auch unterhalb der Profiligen gibt es das Problem: Für die fünf Regionalligen schätzte die Polizei das Gewaltpotenzial auf 4.354 Personen, bei 1.513 Spielen wurden 230 Menschen verletzt [4].
Die Zahlen werden unterschiedlich gelesen. Die ZIS spricht von einer leichten Entspannung, die Arbeitsbelastung der Polizei sei aber weiter sehr hoch [4]. Die KOS betont, dass sicherheitsrelevante Vorfälle im Verhältnis zur Zahl der Besucher gering seien und die große Mehrheit der Fans sich sicher fühle [1].
Stadionverbote
Ein Stadionverbot sprechen Vereine aus, auf Grundlage ihres Hausrechts. Es ist keine staatliche Strafe [1]. Bundesweit wirksame Stadionverbote erfasst der DFB. In der Saison 2024/25 sprachen die Vereine der ersten drei Ligen 823 solcher Verbote aus, 193 davon wurden sofort ruhend gestellt, also vorerst nicht vollzogen. Im August 2025 waren 593 bundesweite Stadionverbote in Kraft [4]. Die ZIS hält das für zu wenig und wirft Verbänden und Vereinen vor, das Instrument kaum zu nutzen [4].
Die KOS sieht Stadionverbote kritischer. Bundesweite Verbote sind seit 1993 möglich und als Vorbeugung gedacht, Betroffene empfinden sie aber meist als Strafe. Junge Fans würden dadurch von ihrem Umfeld getrennt und könnten sich problematischen Gruppen zuwenden. Die KOS rät zu Einzelfallprüfung und Auflagen über die lokalen Stadionverbotskommissionen der Vereine. Eine Neuregelung der Richtlinien hat die Innenministerkonferenz Ende 2024 angestoßen [1].
Fans und Polizei
Ein Dauerthema ist das Verhältnis zwischen Teilen der Fanszene und der Polizei. Die KOS beschreibt es als angespannt und warnt, dass Konflikte bei jungen Menschen in eine allgemeine Skepsis gegenüber rechtsstaatlichen Einrichtungen umschlagen können [1]. Fanprojekte vermitteln seit vielen Jahren zwischen beiden Seiten. Ein Forschungsprojekt mit dem Titel "Fans und Polizei: Konflikte transformieren" soll Formate entwickeln, die beide Seiten einander näherbringen [1].
Umstritten ist auch die Rolle der Sozialarbeiter selbst. Fanprojekte sind nach dem Sozialgesetzbuch zur Verschwiegenheit verpflichtet, haben vor Gericht aber kein Zeugnisverweigerungsrecht nach § 53 der Strafprozessordnung. Die KOS fordert ein solches Recht, weil ihre Arbeit auf dem Vertrauen der Fans beruht [1].
Fanprojekte und Fanbeauftragte
Für die Arbeit mit jungen Fans gibt es in Deutschland 71 sozialpädagogische Fanprojekte. Sie gehen auf das Nationale Konzept Sport und Sicherheit zurück, gehören zu Trägern der Jugendhilfe und werden gemeinsam von DFB, DFL, Ländern und Kommunen bezahlt [1]. Ihre Angebote reichen von Gewalt- und Suchtprävention über alkoholfreie Auswärtsfahrten bis zu Gedenkstättenfahrten [1]. Daneben beschäftigen die Vereine eigene Fanbeauftragte. Nach den Lizenzauflagen von DFB und DFL müssen es in der Bundesliga mindestens sechs, in der 2. Bundesliga vier und in der 3. Liga zwei hauptamtliche Fanbeauftragte sein [1].

Wer Karten für ein Auswärtsspiel nicht über den Verein oder die Fanszene bekommt, sollte bei Angeboten im Netz vorsichtig sein. Woran man gefälschte Tickets erkennt, erklärt der Ratgeber Betrug mit Konzert- und Fußballtickets. Mehr zu den Stadien, in denen die Kurven stehen, findest du unter Die Fußballstadien in Deutschland, Hintergründe zu Affären und Fehltritten unter Skandale im deutschen Fußball. Die übrigen Themen zur Fußballgeschichte sammelt die Seite Fußballgeschichte und Fankultur.
- Organisation Zur Präventionsarbeit im Fußball durch die professionelle Soziale Arbeit der Fanprojekte, Stellungnahme zur Sitzung des Ausschusses für Sport und Ehrenamt (Ausschussdrucksache 21(5)91). Koordinationsstelle Fanprojekte bei der Deutschen Sportjugend (KOS). Stand 25.03.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Ultras. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation DFL: Partnerprozess wird nicht weitergeführt. DFL Deutsche Fußball Liga. Stand 21.02.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Jahresbericht Fußball Saison 2024/25. Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) beim LZPD Nordrhein-Westfalen. Stand 09.10.2025. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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